Synästhetisches Wahrnehmungsbewusstsein.
Kapitel aus „Synaesthesia and learning"[1].
Synästhesie wird heutzutage als ein häufiges Phänomen betrachtet. Wenn man Menschen nach farbigen Buchstaben fragt, dann findet manch einer sicherlich ein paar Synästhetiker. Leute, die Synästhesie haben, antworten sehr stereotypisch. So ist es relativ einfach, eine erste Einschätzung über das mögliche Vorhandensein der Synästhesie machen. Fast alle Synästhetiker die ich in meiner Familie und meinem Freundeskreis gefunden habe, waren sich ihrer Synästhesie nicht bewusst, noch haben sie gewusst, dass es so etwas gibt. Wie kann jemand nicht merken, dass er Musik in Farben sieht?
Verschiedene Quellen nehmen an, dass das Bewusstsein einen starken Einfluss darauf hat, wie stark man Synästhesie wahrnimmt. Dieses Wort wird aber teilweise ziemlich unterschiedlich angewendet: einmal ist es die Stärke der neuronalen Verbindungen[2], ein anderes Mal ist es das Maß, wie fest man sich auf die Synästhesie konzentriert[3]. Darum ist eine differenzierte Anschauung des Bewusstseins nötig.
Ich schlage vor, dass das synästhetische Wahrnehmungsbewusstsein als Überbegriff gebraucht wird. Es enthält verschiedene Aspekte, die einen Einfluss darauf haben, wie intensiv Synästhesie wahrgenommen wird.
(i) Stärke der neurologischen Verbindungen, (ii) Aufmerksamkeit, (iii) Verbalisierung von synästhetischer Wahrnehmung, (iv) soziale Interaktionen, (v) Information und (vi) Identifikation mit Synästhesie.
Synästetische Stärke der neuronalen Verbindungen
Ich glaube, dass es eine Hemmschwelle gibt: erst wenn die neuronalen Strukturen diese überwinden, wird Synästhesie bewusst wahrnehmbar. Es wurde gezeigt, dass die Unterscheidung zwischen „Assoziationssynästhetiker" und „Projektorsynästhetiker" wahrscheinlich von der Stärke dieser Verbindungen abhängt[4, 5].
In gewisser Weise nimmt jeder Mensch die Welt mit verknüpften Sinnen wahr: man nennt dies auch „multisensorische Modalitäten"[6]. Es wird vorgeschlagen, dass die Sinne nicht vollständig voneinander getrennt arbeiten. Es scheint, dass im Gehirn eines Synästhetikers diese multisensorischen Modalitäten stärker sind und deswegen Synästhesie bewusst wahrgenommen werden kann. Ich glaube, dass Synästhetiker zu sein oder nicht, davon abhängt, ob die neuronalen Strukturen die Hemmschwelle übersteigen oder nicht. Diese Hemmschwelle könnte individuell verschieden sein und auch vom Synästhesie-Typ abhängen. Deswegen behaupte ich, dass Synästhesie eine „Alles-oder-Nichts"-Funktion der neuronalen Verbindungen ist, welche sich in der frühkindlichen Phase entwickelt.
Nicht-Synästhetiker hingegen verbinden Farben nicht mit Wahrnehmungen von Buchstaben oder Musik. Wenn sie dazu aufgefordert werden, dann machen sie konkrete Assoziationen, beispielsweise: ‚wenn ich diese Musik höre, dann sehe ich eine Blume mit einer Biene darauf". Ebenso sind die Farben die Nicht-Synästhetiker für Buchstaben wählen nicht konstant über die Zeit. Sie zeigen auch keine aversive Reaktionen, wenn sie Buchstaben in einer anderen Farbe sehen, als diejenige die sie gewählt haben.
Synästhetische Aufmerksamkeit.
Wie gesagt, merken viele Menschen nicht, dass sie beispielsweise Buchstaben in Farben sehen. Wie ist das möglich?
Zuerst ein Experiment: im nachfolgenden Video musst du zählen, wie oft die schwarze Mannschaft den Basketball einander zuspielt.
Ist dir etwas aufgefallen? Hast du den Bär bemerkt, der erschienen ist? Die meisten Menschen bemerken ihn erst, wenn sie darauf hingewiesen werden. Wir Menschen haben eine beschränkte Aufmerksamkeitskapazität. Wir können nicht alles gleichzeitig wahrnehmen. Das ist auch gut so, sonst wären wir ja immer von allem abgelenkt und wären nicht mehr fähig, zielgerichtete Aufgaben zu erledigen.
Die Wissenschaft hat gezeigt, dass es eine Frage der Aufmerksamkeit ist, die bestimmt, wie fest man Synästhesie wahrnimmt. Denn, aufgrund unserer limitieren Kapazität, muss zuerst erkannt werden, was für ein Buchstabe man sieht bevor man synästhetische Farbe wahrnimmt. Vielen Synästhetikern geht es so, wie den Zuschauern des Videos: Wenn man sich nie darauf konzentriert, was Buchstaben für Farben haben, dann wird man diese Farben auch nicht sehen.
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| Abbildung XXX: Je nach dem, ob ein Synästhetiker sich auf das A oder die Bs konzentriert, nimmt er eine andere Farbe wahr. |
In einer anderen Studie wurde Synästhetikern verschiedene Buchstaben gezeigt, die aus andere Buchstaben bestehen, z.B. ein ‚A' das aus lauter ‚Bs' besteht (Abbildung XX). Die Synästhetiker mussten angeben, welche Farbe sie nun wahrnehmen: die Farbe des ‚A' oder die Farben der ‚Bs'. Synästhetische Farben haben einen mehrdeutigen Charakter: fokussiert man sich auf das ‚A' dann nimmt man die Farbe des ‚A' war und das gleiche mit den ‚Bs'[7]. Jamie Ward hat dafür eine schöne Metapher: Es ist, wie wenn man durch ein Schaufenster in einen Laden schaut. Einerseits nimmt man wahr, was im Schaufenster ausgestellt ist, andererseits erkennt man sein Spiegelbild auf der Scheibe. Man kann aber nicht beides gleichzeitig sehen[6]. Stellen wir uns einen Synästhetiker vor, welcher gerade Musik hört: es können farbige Muster, Geschmäcker und auch das Gefühl von Tasten ausgelöst werden. Ein Synästhetiker kann aber nicht allen dieser verschiedenen Aspekte der Synästhesie zur gleichen Zeit Beachtung schenken.
Synästhetiker berichten, das sie ihre synästhetischen Wahrnehmungen nicht einfach abschalten können: sie können nur den induzierenden Stimulus ignorieren. Wenn man ein Buch liest und dabei Musik im Hintergrund läuft, dann nimmt man die Musik kaum wahr. Synästhetiker nehmen in diesem Fall auch keine Farben für die Musik wahr, wenn sie nicht bewusst zuhören. Synästhetiker nehmen aufgrund der limitieren Aufmerksamkeitskapazität ihre Synästhesie nicht die ganze Zeit wahr. Zudem können sie sich nicht immer auf den synästhetischen Teil der Wahrnehmung fokussieren.
Ich schlage vor, dass die synästhetische Aufmerksamkeit bestimmt auf welche Aspekte man sich fokussiert und wie Häufig man der Synästhesie im Alltag Beachtung schenkt. Das mag individuell ziemlich unterschiedlich sein: manche Synästhetiker beachten ihre Synästhesie sehr häufig, während andere sie kaum wahrnehmen.
Synästhetische Verbalisierung: Wenn ich von synästhetischer Verbalisierung rede, dann beziehe ich mich auf die Frage, ob und wie jemand seine synästhetische Wahrnehmung ausformuliert. Das kann beispielsweise sein, dass jemand aktiv denkt, schreibt oder erzählt: ‚die Zahl 3 ist grün' oder ‚die Klänge eines Klaviers erscheinen mir als blau-gepunktete Linie'. Die Synästhetische Wahrnehmung zu zeichnen ist sicherlich auch eine Form des Verbalisierens: es zu malen hilft die synästhetischen Bilder besser zu verstehen.
Um die synästhetischen Wahrnehmungen in einen bewussteren Status zu transferieren sehe ich diesen Schritt als ziemlich wichtig an. Ein Synästhetiker der niemals aktiv über farbige Buchstaben nachgedacht hat, also es nie ausformuliert hat, wird ziemlich erstaunt sein, wenn er danach gefragt wird. Zufällig traf ich M.S. auf der Strasse. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie der Synästhesie noch nie Aufmerksamkeit geschenkt, noch hat sie sie je ausformuliert. Als ich sie nach der Farbe des Buchstabens ‚A' gefragt habe, antwortete sie sofort, dass es keine Farbe habe. Danach bat ich sie, die Augen zu schließen und sich den Buchstaben ‚A' vorzustellen. Erstaunt antwortete sie, dass das ‚A' nun gelb sei.
Mit diesem Beispiel möchte ich zeigen, dass man nicht sehr viel Aufmerksamkeit aufwenden muss, um die Farben der Buchstaben zu erkennen, dennoch brauchen viele Synästhetiker einen Input von außen. Ebenso mit dem Video: manche Menschen könnten den Film tausendmal schauen und tausendmal die Ballkontakte zählen ohne dass man auch nur ein einziges Mal den Bär wahr nimmt.
Es kann auch sein, dass gewisse Synästhetiker nur ein paar ihrer Synästhesie verbalisiert haben. Ich schlage vor, dass für eine synästhetische Verbalisierung ein gewisser Level an synästhetischer Aufmerksamkeit vorausgesetzt wird. Andererseits kann die synästhetische Verbalisierung zu einem höheren synästhetischen Bewusstsein führen.
Synästhetische Information: es gibt viele Menschen, die Synästhesie haben, dennoch haben die meisten von ihnen das Wort ‚Synästhesie' noch nie gehört. Logisch, dass diese Menschen auch nicht wissen können, dass sie Synästhetiker sind. Viele von ihnen sind erleichtert, wenn sie hören, dass es ´einen Namen dafür gibt' und dass es sich weder um eine Krankheit, noch um eine psychische Störung handelt. Meine Meinung ist, dass zu wissen was Synästhesie ist, den Menschen hilft, ihre Wahrnehmung zu erklären und deren Details besser verstehen zu können.
Es ist sicherlich auch einfacher, Freunde und Familie über ein neuropsychologisches Phänomen das einen Namen hat zu informieren, als über die eigene ‚verschnörkelte' bunte Wahrnehmungswelt, die kaum jemand zu verstehen scheint. Ich glaube, dass Menschen die informiert sind, offener über Synästhesie sprechen können.
Informationen können also einen positiven Beitrag zum synästhetischen Bewusstsein beisteuern, während aber falsche Fakten das Gegenteil bewirken.
Synästhetische Identifikation: identifizierte Synästhetiker nenne ich die Menschen, die von sich aus sagen, dass sie Synästhesie haben. Ich schätze, dass nur gerade ein kleiner Teil der Synästhetiker sich identifizieren konnte. Der Schritt von unidentifiziert zu identifiziert geschieht nicht automatisch und kann durch äußere Faktoren beeinflusst werden.
Viele Synästhetiker haben Hemmungen, sich mit der Synästhesie zu identifizieren. Lange Zeit war die allgemeine Meinung, dass Synästhesie ein sehr seltenes Phänomen sei[8-10]. Heute weiß man aber, dass es viel häufiger vorkommt: man schätzt, dass mindestens 5% der Menschen Synästhesie haben[11]. Das Problem ist aber, dass die allgemeine Presse sich oft auf den alten Schätzungen abstützt und die neuen Studien ignoriert. Oft enthalten journalistische Artikel viele übertriebene Ansichten und Synästhesie wird oft als ein ‚seltenes, außergewöhnliches Feuerwerk der Sinne' dargestellt. Viele Synästhetiker machen sich ein falsches Bild über die synästhetischen Wahrnehmungen wenn sie von diesem ‚sonderbaren Phänomen namens Synästhesie' hören, da das was sie wahrnehmen für die Synästhetiker normal ist und überhaupt nichts außergewöhnliches darstellt. Des Weiteren wird in der Presse der Aspekt des ‚bewussten Wahrnehmens' außer acht gelassen. Dies mag die Menschen glauben lassen, dass Synästhetiker die ganze Zeit Synästhesie wahrnehmen. In Realität ist die synästhetische Wahrnehmung sehr subtil, hängt von der Aufmerksamkeit ab und muss bewusst wahrgenommen werden.
Synästhetische soziale Interaktionen: dieser Aspekt mag auch einen großen Einfluss darauf haben, ob jemand seine Synästhesie bewusst wahrnimmt.
Stellen wir uns ein Kind vor, dass die Zahl 6 wegen deren Charaktereigenschaften nicht gerne mag. Wenn es das seiner Mutter erklären möchte, kann die Reaktion der Mutter sehr unterschiedlich ausfallen: sie kann sagen, dass das Kind aufhören soll, solch einen Blödsinn zu erzählen. Man kann sich vorstellen, dass diese Kind, nachdem es lächerlich gemacht wurde, nicht mehr über solche Dinge sprechen will. Es kann auch sein, dass es danach sich nicht einmal mehr getraut, über solche Dinge nachzudenken.
Eine desinteressierte Antwort der Mutter würde wahrscheinlich keinen großen Einfluss haben. Vielleicht denkt das Kind dann, das es normal sei und jeder Buchstaben in Farben sieht.
Eine interessiere Antwort, mit der Aufforderung mehr zu erzählen, würde wahrscheinlich die beste Reaktion sein.
Da ich viele der Menschen um mich herum nach farbigen Buchstaben frage, habe ich gemerkt, dass Menschen, die schon über Synästhesie informiert wurden, mehr Schwierigkeiten haben, sich mit der eigenen Synästhesie zu identifizieren. Oft höre ich Sätze wie: ‚ich habe das nicht so wie du' oder ‚du nimmst das sicherlich viel stärker wahr als ich'. Dies mag daran liegen, dass diese Menschen wissen, dass ich ‚der Typ mit Synästhesie' bin und deswegen meinen, dass sie das nicht so wahrnehmen wie ich. Diese Reaktion habe ich schon oft erlebt: meine Ex-Freundin hat zwei Jahre lang verneint, Synästhetikerin zu sein, obwohl sie berichtet hat, dass sie Buchstaben in Farben sieht. Mittlerweile hat sie sich aber identifiziert. Sie war aber nicht die einzige, die sich so verhielt.
Im Allgemeinen ist es nicht einfach synästhetische Wahrnehmung in Worte zu fassen. Das mag an der Komplexität der Synästhesie liegen oder weil es einfach nicht genug Worte gibt, um es zu beschreiben. Wie auch immer, ich glaube, dass einer der besten Möglichkeiten der synästhetischen Verbalisierung die Diskussion mit anderen Menschen ist. Der Austausch mit anderen Synästhetikern ist ein sehr befriedigender Weg, seine Synästhesie zu erkunden.
Obwohl viele Synästhetiker sich erst im Erwachsenenalter mit Synästhesie identifizieren, berichten viele von ihnen von synästhetischen Erinnerungen aus der Kindheit. Es braucht nicht viel, um sich auf die synästhetische Wahrnehmung zu achten. Andererseits ist es ziemlich schwierig die ganze Zeit ein hohes Level des synästhetischen Wahrnehmungsbewusstseins zu halten. Es braucht viel Zeit und Konzentration, der Synästhesie im Allgemeinen mehr Platz in der Wahrnehmungswelt einzuräumen.
1. Mächler M-J: Synaesthesia and Learning; a differentiated view of synaesthetic perceptual awareness. In. Zürich: Swiss federal institute of technology Zurich; 2009.
2. Kadosh RC, Henik A: Can synaesthesia research inform cognitive science? Trends in Cognitive Sciences 2007, 11(4):177-184.
3. Campen Cv: The Hidden Sense: On Becoming Aware of Synesthesia. In: Revista Digital de Tecnologias Cognitivas. vol. 1; 2009.
4. Rouw R, Scholte HS: Increased structural connectivity in grapheme-color synesthesia. Nature Neuroscience 2007, 10(6):792-797.
5. Hubbard EM: A real red-letter day. Nature Neuroscience 2007, 10(6):671-672.
6. Ward J: The Frog who Croaked Blue: Synesthesia and the Mixing of the Senses: Routledge; 2008.
7. Sagiv N, Heer J, Robertson L: Does binding of synesthetic color to the evoking grapheme require attention? Cortex 2006, 42(2):232-242.
8. BaronCohen S, Burt L, SmithLaittan F, Harrison J, Bolton P: Synaesthesia: Prevalence and familiarity. Perception 1996, 25(9):1073-1079.
9. Cytowic RE: Synaestesia: A Union of the Senses. New York: Springer; 1989.
10. Emrich HM, Zedler M, Schneider U: Welche Farbe hat der Montag? Synästhesie, Das Leben mit verknüpften Sinnen. Stuttgart: S. Hirzel; 2002.
11. Simner J, Mulvenna C, Sagiv N, Tsakanikos E, Witherby SA, Fraser C, Scott K, Ward J: Synaesthesia: The prevalence of atypical cross-modal experiences. Perception 2006, 35(8):1024-1033.
