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Synästhesie und lernen

Führt Synästhesie zu gesteigerten Lern- und Gedächtnisfunktionen?

Man kann in vielen Büchern und Zeitungsartikel lesen, dass Synästhetiker über überdurchschnittliche Gedächtnisfähigkeiten verfügen[1]. Ist das wirklich wahr?
In Großbritannien wurden 46 Synästhetiker interviewet: man musste sich selber einschätzen ob man ein Gedächtnis hat, das a) überdurchschnittlich, b) durchschnittlich oder c) unterdurchschnittlich ist. 70% von ihnen glaubte, dass die Gedächtnisleistung überdurchschnittlich sei. In einem zweiten Experiment mussten Synästhetiker und Nicht-Synästhetiker verschiedene Tests absolvieren: Sie sollten Wörter, welche sie hörten, Zahlen in einem Raster oder komplexe Figuren auswendig lernen und zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufschreiben, respektive aufzeichnen. Die Synästhetiker zeigten ein „minimal" besseres Abschneiden bei den Wörtern, nicht aber bei den Zahlen oder bei den komplexen Figuren[2]. Eine ähnliche Studie fand gar keinen Unterschied zwischen Synästhetikern und Nicht-Synästhetikern in der Leistung des episodischen Gedächtnisses. Man folgerte, dass Synästhesie an sich alleine noch nicht zu einem besserem Gedächtnis führt. Individuelle Unterschiede zwischen den Synästhetikern wurden so erklärt, dass einige ihre Synästhesie als mnemonische Technik angewendet hätten[3]. Yaro und Ward (2007) meinen, dass „Synästhesie plus Training zu einem wirklich außergewöhnlichen Gedächtnis führen könnte".
Der Mythos, dass Synästhetiker generell ein besseres Gedächtnis hätten, kommt von verschiedenen Einzellfallstudien. Luria beschreibt den Synästhetiker S. welcher keine Mühe damit hatte, Raster mit 50 Zahlen innerhalb von wenigen Minuten zu lernen. Selbst 15 Jahre später war er noch fähig, diese Zahlen korrekt aufzusagen[4]. Daniel Tammet ist ebenfalls ein interessanter Fall: Er ist Autist und Synästhetiker: Er konnte 22´514 Stellen von Pi ohne Fehler aufsagen und brach so den europäischen Rekord. Er lernte auch isländisch innerhalb von einer Woche[5]. Es gibt noch weitere Berichte von Synästhetikern mit einem außergewöhnlichen Gedächtnis[6, 7], es ist aber nicht klar, zu welchem Grad Synästhesie dafür verantwortlich ist. Diese Einzelfallstudien widerspiegeln auch eine verzerrte Auswahl der Testpersonen: jemand mit einem überdurchschnittlichen Gedächtnis zieht eher die Aufmerksamkeit von Forschern auf sich[3]. Darum ist es sehr delikat, wenn man dann diese ungewöhnlichen Fähigkeiten auf alle Synästhetiker überträgt.

Positiver Einfluss von Synästhesie auf das Lernen.
Ich glaube, dass es verschieden wichtige Prozesse fürs Lernen gibt, welche durch Synästhesie positiv beeinflusst werden können. In der Lerntheorie wird vorgeschlagen, dass Lernprozesse durch die Miteinbeziehung verschiedener Sinne unterstützt werden kann: etwas was nur gehört wird, wird nicht so einfach abgespeichert, wie wenn es zusätzlich noch gesehen wird[8]. Synästhesie ermöglicht das, da verschiedene Sinne gleichzeitig aktiviert werden.
Synästhetiker nehmen historische Zahlen wie 1492 nicht nur als Nummer war. Wegen der lebendigen Natur von Synästhesie fügen die Farben, Geschlechter und Charakteren der Zahlen zusätzliche Informationen hinzu[9]. So können verschiedene Arten von Fakten zusätzliche Bedeutung bekommen. Ich erinnere mich als ich ein Kind war, war mein Geist voller mathematischen Wahrnehmungen. Ein Beispiel ist die Rechnung: 4 * 6 = 24. Für mich war es „die Geschichte von der 4 welche die 6 heiraten musste". Diese Personifizierung traten von alleine auf und wurde nicht aktiv von mir erschaffen. Es half mir mit Zahlen umzugehen.
Bedeutung zu Informationen hinzuzufügen und es mit vorherigem Wissen zu verbinden ist eine Hilfe in Lernprozessen. Synästhetische Wahrnehmung macht genau das; man muss sich nur dessen bewusst sein.
Menschen mit Synästhesie erleben stärkere visuelle Bilder als Nicht-Synästhetiker. Diese Bilder entstehen automatisch und sind konstant über die Zeit[10, 11]. Manche Synästhetiker sehen wenn sie z.B. 7-5=2 Rechnen, Blöcke, die sich aufeinanderstapeln (Abbildung 1). Manche sehen Filme vor ihrem geistigen Auge abspielen, wenn sie Geschichtstexte lesen.
Zusätzlich sehen manche zeitliche Konzepte wie Wochen oder Jahrzehnte räumlich dargestellt[12] oder sie nehmen das Alphabet und die Nummern auf einer Linie angeordnet[13]. Ormrod erklärt, dass „das erschaffen von visuellen Bildern ein mächtiges Hilfsmittel sein kann, um Informationen abzuspeichern"[8].
Demzufolge bietet Synästhesie verschiedene nützliche Möglichkeiten um als mentale Hilfe beim Lernen genutzt zu werden. Dazu wird aber synästhetisches Bewusstsein und eine gezielten Anwendung der synästhetischen Wahrnehmung benötigt.


Negativer Einfluss von Synästhesie auf das Lernen
Es gibt eine große Nummer von Studien[7, 14], die geltend machen, dass Synästhetiker, welche mit für sie „falsch" gefärbten Buchstaben oder Zahlen konfrontiert werden, einen störenden Effekt erleben. Synästhetiker berichten, dass sie sich dabei „unwohl" fühlen. Manche beschreiben, dass diese inkongruenten Farben nicht passen, manchmal empfinden sie es sogar als „hässlich" [15].
In einer Studie wurde die Synästhetikerin C. untersucht. Wenn ihr eine Rechnung präsentiert wurde, etwa 2 + 3, dann fand sie das Resultat schneller, wenn nach dem Gleichheitszeichen die Farbe der Lösung folgte. Umgekehrt war sie langsamer wenn die Rechnung von einer inkongruenten, also falschen Farbe gefolgt wurde[16].
Der synästhetische Stroop-Task funktioniert ähnlich wie der gewöhnliche Stroop-Task[i]: farbige Buchstaben und Zahlen werden Probanden gezeigt, die entweder Synästhesie haben oder nicht. Die Farben dieser Grapheme waren entweder a) neutral, also schwarz, b) kongruent (in der subjektiv richtigen Farbe des Synästhetikers) oder c) inkongruent. Die Synästhetiker hatten beispielsweise mehr Mühe damit, den Buchstaben oder die Zahl korrekt zu nennen, wenn diese in einer „falschen" Farbe gezeigt wurde[17]. Dieser Inkongruenz-Effekt wurde begleitet von einer Erweiterung der Pupillen der Synästhetiker[18].
C. besitzt ein überdurchschnittliches Gedächtnis und hat keine Mühe damit, ein Raster mit 50 zahlen sich zu merken. In einem Experiment musste sie ebendiese 50 Zahlen merken, welche aber die „falschen" Farben hatten. Sie schloss dabei „beträchtlich schlechter" ab[7]. Dennoch, andere Studien mit Erwachsenen fanden, bei gleichem Versuchsaufbau, diesen Effekt nicht. Dies kann man damit erklären, dass manche Synästhetiker die inkongruenten Farben mental in die richtigen Farben „übersetzen" [2, 3] oder weil es allgemein sehr schwierig ist, innerhalb von weniger Minuten 50 Zahlen sich zu merken, egal ob sie die richtigen Farben haben oder nicht.
In England wurden Experimente mit Kindern zwischen 7 und 15 Jahren durchgeführt. In einer Aufgabe sollten diese sich wiederum Zahlen-Raster merken, die jeweils 9 oder 16 Ziffern enthielten. Die synästhetischen Kinder zeigten eine signifikante Verminderung ihrer Leistung im Wiederaufsagen, wenn die Zahlen die sie lernten die falsche Farbe hatten. Green, welcher diese Studie durchführte, berichtete dass Inkongruenz einen „nachteiligen Effekt" auf die synästhetischen Kinder habe[19]. Es könnte sein, dass dieser negative Einfluss bei Kindern stärker ist, als bei Erwachsenen. Es braucht aber zusätzliche Studien diesbezüglich.

Ich erinnere mich an eine Email von einem 13 jährigen Jungen. Er meinte, dass ihn die farbigen Zahlen verwirren würden. Damit rechtfertigte er seine Schwäche in Mathematik und benutze Synästhesie als Ausrede. Das ist aber zu einfach. Eine Umfrage unter Synästhetikern zeigte, dass Mathematik gleichermaßen sowohl als Stärke wie auch als Schwäche genannt wurde[20]. Synästhetiker sind verschieden. Allgemeine Aussagen über deren Fähigkeiten oder deren Interessen sind immer mit Vorsicht zu genießen. Farbige Zahlen führen nicht einfach so zu einem besseren Verständnis von mathematischen Gleichungen. Für die einen ist es eher verwirrend als nützlich. Ich aber glaube, dass eine Hilfestellung im Umgang mit Synästhesie diesen Effekt beseitigen kann, indem man Synästhetikern hilft, die synästhetische Wahrnehmung zu ordnen, zu integrieren und in einer dienlichen Weise für das Lernen zu nutzen.

[i] Mit dem Stroop-Effekt ist folgendes gemeint: Wenn jemand das Wort "Rot" in blau geschrieben sieht, dann wird das als verwirrend empfunden.

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Referenzen

1. Emrich HM, Zedler M, Schneider U: Welche Farbe hat der Montag? Synästhesie, Das Leben mit verknüpften Sinnen. Stuttgart: S. Hirzel; 2002.
2. Yaro C, Ward J: Searching for Shereshevskii: What is superior about the memory of synaesthetes? Quarterly Journal of Experimental Psychology 2007, 60(5):681-695.
3. Rothen N, Meier B: Do Synesthetes Have a General Advantage in Visual Search and Episodic Memory? A Case for Group Studies. in press.
4. Luria AR: The mind of a mnemonist. New York: Basic Books; 1968.
5. Tammet D: Born on a blue day. London: Hodder & Stoughton; 2006.
6. Cytowic RE: Synaestesia: Phenomenology and neuropsychology - A rewiev of current knowledge. In: Synaesthesia: Classic and contemporary readings. Malden: Blackwell Publishing; 1997: pp. 17-39.
7. Smilek D, Dixon MJ, Cudahy C, Merikle PM: Synesthetic color experiences influence memory. Psychological Science 2002, 13(6):548-552.
8. Ormrod JE: Humang learning 5th. New Jersey: Pearson Education; 2008.
9. Smilek D, Dixon MJ: Two complementary perspectives on synaesthesia. Trends in Cognitive Sciences 2008, 12(10):364-366.
10. Barnett KJ, Newell FN: Synaesthesia is associated with enhanced, self-rated visual imagery. Consciousness and Cognition 2008, 17(3):1032-1039.
11. Spiller MJ, Jansari AS: Mental imagery and synaesthesia: Is synaesthesia from internally-generated stimuli possible? Cognition 2008, 109(1):143-151.
12. Price MC, Mentzoni RA: Where is January? The month-SNARC effect in sequence-form synaesthetes. In: 14th Conference of the European-Society-for-Cognitive-Psychology: Aug 30-Sep 03 2005; Leiden, NETHERLANDS: Elsevier Masson; 2005: 890-907.
13. Sagiv N, Simner J, Collins J, Butterworth B, Ward J: What is the relationship between synaesthesia and visuo-spatial number forms? Cognition 2006, 101(1):114-128.
14. Rich AN, Mattingley JB: The effects of stimulus competition and voluntary attention on colour-graphemic synaesthesia. Neuroreport 2003, 14(14):1793-1798.
15. Callejas A, Acosta A, Lupianez J: Green love is ugly: Emotions elicited by synesthetic grapheme-color perceptions. Brain Research 2007, 1127(1):99-107.
16. Dixon MJ, Smilek D, Cudahy C, Merikle PM: Five plus two equals yellow. Nature 2000, 406(6794):365-365.
17. Mills CB, Boteler EH, Oliver GK: Digit synaesthesia: A case study using a Stroop-type test. Cognitive Neuropsychology 1999, 16(2):181-191.
18. Paulsen HG, Laeng B: Pupillometry of grapheme-color synaesthesia. Cortex 2006, 42(2):290-294.
19. Green JAK, Goswami U: Synesthesia and number cognition in children. Cognition 2008, 106(1):463-473.
20. Rich AN, Bradshaw JL, Mattingley JB: A systematic, large-scale study of synaesthesia: implications for the role of early experience in lexical-colour associations. Cognition 2005, 98(1):53-84.

Bildnachweis:
Mondon M: Das innere Auge. In. Berlin: Universität der Künste; 2008.